
Ein blöder Fehler vor Millionenpublikum, eine drohende Entlassung, ein öffentlicher Konflikt mit dem eigenen Spielmacher. Am Ende: Silber. Hier, auf meiner eigenen Website gebe ich kurz Einblicke in meine persönliche Perspektive auf die Europameisterschaft 2026. Ungeschönt, mit den Überlegungen hinter den Entscheidungen. Für Handballfans. Und für alle, die wissen wollen, wie Führung unter echtem Druck funktionieren kann.

Foto: Sina Schuldt/dpa
Zweites Vorrundenspiel, Herning, 17. Januar. Wir führen zur Halbzeit mit vier Toren gegen Serbien. Die Stimmung in der Kabine ist fast zu locker. Wir hätten eigentlich mit acht Toren führen müssen, so viele klare Chancen haben wir liegen lassen. Also: Das wird schon.
Aber, es wird nicht!
In der zweiten Halbzeit kippt das Spiel. Die Schiedsrichter fahren eine andere Linie, die Serben dürfen längere Angriffe spielen, bekommen Freiwürfe, die vorher als Ballverluste gepfiffen wurden. Zweite und dritte Chance im Angriff, immer wieder. Unser Spiel stockt, der serbische Torhüter wird zur Wand. Ich spüre den Stress, der sich durch die Mannschaft frisst.
Ich halte sehr lange an der gleichen Formation fest. Im Nachhinein zu lange.
Fünf Minuten zu spielen. Wir liegen ein Tor zurück und sind in Unterzahl. Das Tor ist leer, Andy kommt raus für Renars. Noch 20 Sekunden Unterzahl. Ich stehe am Buzzer und denke: Zeit runterspielen, bis wir vollzählig sind. Juri sagt eine Kreuzung an für Renars. Der bekommt ein Stopfoul von der aggressiven serbischen Abwehr. Genau das, was ich brauche. Ich schaue hoch auf die Uhr, noch zwei Sekunden, und drücke den Buzzer in dem Moment, in dem die Strafzeit um ist.
Was ich nicht sehe: Renars hat es trotz Umklammerung geschafft, den Ball weiterzuspielen. Zu Miro. Der sieht Juri freiwerdend hinter der Abwehr. Juri macht das Tor. In genau dem Moment, in dem ich drücke.
Ziemlich beschissene Situation.
Das Tor zählt nicht. Wir verlieren 27:30. Am nächsten Morgen titelt die WELT: „Endspiel für Gislason.” Ex-Weltmeister Michael Kraus urteilt im TV: „Vercoacht.”
Ich schlafe nicht. Aber ich denke nicht über den Buzzer nach. Ich denke über das, was jetzt kommt.
Dieses Spiel und diese Leistung werden ein Wendepunkt für diese sehr junge, relativ unerfahrene Mannschaft. Jetzt wird wahnsinniger Druck kommen. Mir ist bewusst, dass ich diesen Druck so weit wie möglich weg von der Mannschaft halten muss.

Foto: Sascha Klahn
Vor der Presse sage ich am nächsten Tag: Die Niederlage geht allein auf meine Kappe. Die Auszeit hat mindestens einen Punkt gekostet. Hat die Mannschaft aus dem Rhythmus gebracht.
Natürlich gibt es eine Vielzahl von Gründen. Egal. Die Presse hat jetzt ihr Thema. Und die Mannschaft hat Ruhe.
Meine Qualitäten als Trainer werden öffentlich in Frage gestellt. Ich sei zu alt für diese Mannschaft, erreiche die Spieler nicht mehr. Ein Standardspruch nach dem anderen. Dauerfeuer von allen Seiten. O.k. war zu erwarten.
Gleichzeitig macht Juri seinem Frust Luft. Im ARD-Interview sagt er, es brodele in ihm auf der Bank. Die Medien konstruieren einen offenen Konflikt zwischen uns. Das kam noch obendrauf.
Was am nächsten Morgen wirklich passiert, bleibt zwischen uns. Was Juri danach öffentlich sagt, ist das bessere Zeugnis: „Das Beste ist das Gefühl, wenn man am nächsten Tag mit seinem Trainer spricht und dem das völlig egal ist. Das ist nicht selbstverständlich, dass ein Trainer heutzutage kein Ego hat und das nicht persönlich nimmt. Andere hätten da auch gekränkt sein können.”

Vor dem Spanien-Spiel steht fest: Verlieren wir, ist das Turnier zu Ende. Vorrunden-Aus. Zum ersten Mal in der Geschichte einer deutschen Handball-Nationalmannschaft. Die Stimmung ist gedrückt.
Vor der Videositzung halte ich eine Rede. Ich nehme noch einmal die volle Schuld auf mich. Nicht nur wegen des Buzzers. Für alles. Und dann wechsle ich die Richtung.
Ich versuche, den Jungs den Weg zu zeigen, der vor ihnen liegt. Was für ein unglaubliches Talent und Potenzial in dieser Mannschaft steckt. Ich sage ihnen, dass sich hier keiner Sorgen machen muss um meine Zukunft. Ob ich Nationaltrainer bin in einem Monat oder nicht. Ich habe eine Aufgabe bekommen: eine große Zukunfts-Mannschaft für Deutschland aufzubauen, die die WM im eigenen Land 2027 gewinnen könnte. Und dieses Ziel habe ich aus meiner Sicht schon erreicht.
Foto: Sascha Klahn
Ich habe selten in meinen 35 Jahren als Trainer so eine unglaublich talentierte Mannschaft in den Händen gehabt. Nicht nur eine gute erste Sieben, sondern eine Mannschaft, die in der Breite fantastisch werden könnte. Egal wie die nächsten Tage ausgehen: Ich werde mit viel Stolz die nächsten zehn Jahre genießen können, meine Jungs gewinnen zu sehen.
Dann zeichne ich ein Bild auf ein Clipboard. Zwei vertikale Linien nebeneinander. Über der linken ein A, für Angst. Über der rechten ein K, für Kreativität.
Je höher man auf der Angst-Linie ist, umso niedriger ist man automatisch auf der Kreativ-Linie. Angst und Stress killen die Kreativität, den Flow. Das ist meine Erfahrung aus bald 50 Jahren bei Endspielen, und es ist keine private These, sondern wissenschaftlich bewiesen.
Meine Botschaft an die Mannschaft: Ja, es ist ein Endspiel. Aber es ist trotzdem nur ein Handballspiel. Und es ist ein Geschenk. Da hat Angst keinen Platz. Volle Konzentration darauf, dieses Spiel miteinander zu genießen.
Am Tag darauf verliert Serbien gegen Österreich. Wir müssen nicht mehr mit drei Toren Unterschied gewinnen. Ein Sieg reicht.
Die Jungs liefern von der ersten bis zur letzten Minute. 34:32 gegen Spanien. Gruppensieger. Weiter.

Foto: Sascha Klahn
Die Geschichte dieser Mannschaft beginnt nicht bei der EM 2026. Sie beginnt drei Jahre vorher, als ich beim EHF Euro Cup junge Spieler wie Justus Fischer und Renars Uscins ins kalte Wasser werfe. Die Ergebnisse sind brutal: 23:30 gegen Dänemark, 23:32 gegen Schweden. Die Kritik ist massiv.
Ich warte bis zum Halbfinalsieg gegen Kroatien, bevor ich darauf zurückkomme. Eigentlich müsste ich jetzt ein bisschen austeilen. Ich muss immer an 2023 denken, als ich die jungen Leute getestet habe. Da sind wir einige Male unter die Räder gekommen und wurden danach dermaßen fertig gemacht in der Presse.
Im Nachhinein war es der richtige Weg, dass wir an den Jungs festgehalten haben. Das sind unsere größten Talente. Sie haben sich in diesem Turnier weiterentwickelt, sind abgeklärter geworden und als Team zusammengewachsen.
14 der 18 Spieler im Silber-Kader sind jünger als 30. Sechs von ihnen waren vor zweieinhalb Jahren noch U21-Junioren-Weltmeister.

Foto: Sascha Klahn
Wir verlieren das Finale gegen Dänemark 27:34. Es ist trotzdem der größte Erfolg einer deutschen Mannschaft bei einer EM seit zehn Jahren. Oder, wie es mancher Reporter schrieb, wir haben nicht Gold verloren sondern Silber gewonnen.
Ich bin sehr, sehr stolz auf diese Mannschaft. Wir haben Riesenschritte gemacht. Die Entwicklung der Mannschaft gibt mir mehr als die Silbermedaille.
Dänemarks Welthandballer Mathias Gidsel sagt nach dem Finale: „Wie die bei diesem Turnier gespielt haben, ist unfassbar. Das macht mir ein bisschen Angst. Jetzt ist die deutsche Mannschaft unser größter Gegner.”
Wenn man Anfang Januar zusammengesessen und gesagt hätte, es wird auf jeden Fall Silber, dann hätten wir alle zusammen ziemlich betrunken gewirkt.

Aber Silber ist nicht das Ende.
Es ist ein Schritt.
Die WM 2027 ist im eigenen Land.
Und diese Mannschaft steht erst am Anfang.
Foto: Sascha Klahn