Alfred Gislason Einfach Guter Handballtrainer Spiegel

Der Spiegel: „Einfach ein guter Handballtrainer”

Ein guter Vereinstrainer ist nicht zwangsläufig ein guter Nationaltrainer. Der Vereinstrainer entwickelt Spieler, er formt ein Team kontinuierlich weiter. Der Nationaltrainer muss eher ein Puzzlespieler sein, der die besten Profis aus den Vereinen in wenigen Tagen im Jahr zusammenbringt. Und er muss diesen Prozess mit den Stars des Sports gut moderieren können. Die Arbeitsweisen unterscheiden sich.

Als der deutsche Handball-Bund Alfred Gíslason, 61, im vergangenen Jahr in den Job des Bundestrainers hob, sicherte er sich die Dienste eines erfahrenen Vereinstrainers, der unter anderem mit dem THW Kiel etliche nationale und internationale Titel gewonnen hatte.

Der DHB verpflichtete damals einen guten Vereinstrainer. Aber auch einen guten Nationaltrainer?

Bundestrainer Alfred Gíslason: Stets klar in der Ansprache
Foto: Tilo Wiedensohler / imago images/camera4+

Mit der Antwort hat es gedauert. Zuerst war es die Coronapandemie, die das Debüt des Isländers um Monate verschob. Dann waren es die WM-Absagen etlicher Nationalspieler, die dazu geführt hatten, dass der Bundestrainer mit einer sehr jungen Mannschaft beim Turnier in Ägypten antreten musste. Sie war chancenlos. »Mir bleibt nichts erspart«, sagte Gíslason mal über die Anfänge seines DHB-Jobs.

Jetzt, mit dem Olympia-Qualifikationsturnier in Berlin, weiß man mehr über Gíslason als Bundestrainer: Kraftleistung gegen Schweden, Kantersieg gegen Slowenien und ein solider Auftritt im Algerien-Spiel – dass die deutschen Handballer zu den Sommerspielen fahren, ist auch sein Erfolg. »Der Druck war enorm«, war einer seiner Fazitsätze: »Ich bin sehr erleichtert und extrem stolz, wie wir damit umgegangen sind.«

Aber noch mal zurück. Die 53. Minute im ersten Qualifikationsspiel gegen Schweden: Die deutschen Handballer lagen mit drei Toren zurück. Es drohte eine Niederlage und damit eine frühe Drucksituation in dem Turnier. Gíslason nahm eine Auszeit; sie wird im Fernsehen übertragen, jedes Wort kann man mithören.

In Druckphasen lernt man Menschen kennen, und Gíslason scheint ein sehr entspannter Typ zu sein. »Wir haben noch reichlich Zeit«, sagte er gleich zu Beginn, und er beruhigte erst mal alle. Er wechselte einen Spieler ein und sagte, dass man defensiver spielen werde. Zum Schluss nannte er einen Spielzug, der im nächsten Angriff zum Tor führen sollte. Dann ließ er das Team allein und sich gegenseitig anfeuern, Gíslason starrte auf das Spielfeld, er wartete darauf, dass es weiterging. Tunnelblick, kein links, kein rechts.

Gíslason sagt, er will nicht im Mittelpunkt stehen, aber das Team soll das tun
Foto: Martin Rose / Getty Images

Gíslason strahlt mit seiner schnörkellosen Ansprache Ruhe aus. Er schafft Klarheit. Es sieht so aus, dass er damit bei seinen Spielern, die er in fast jeder Auszeit mit »Hey Jungs« begrüßt, gut ankommt. Es gab bereits viel Lob für den neuen Trainer.

Unter Vorgänger Christian Prokop waren Auszeiten anders: taktischer. Prokop sprach lange, erklärte an der Taktiktafel. Der Ex-Trainer sagte einmal, er habe sein Team mit den Vorgaben überfordert. Auch unter Prokop gab es Fortschritte. Viele frühere Handballer, die sich regelmäßig als Experten zu Wort gemeldet hatten, waren aber nicht von ihm überzeugt. Prokop kämpfte von Beginn an gegen Störungen von Außen, manchmal trug er selbst zu ihnen bei.

Gíslason muss diese Kämpfe nicht führen. Er hat sie hinter sich, der Routinier ist ein Anführer, und dieser Anführer weiß die deutsche Handballlandschaft hinter sich. Mit ihm ist Ruhe auf der Trainerposition eingekehrt, Ruhe, die offenbar allen Kraft gibt. »Er wirkt sehr stark von seiner Person«, sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning: »Er hat eine Lockerheit hereingebracht und damit großen Anteil am Erfolg.«

Fordert viel, kommt gut an

Gegen Schweden holte die Mannschaft den Rückstand noch auf und rettete ein Remis in letzter Sekunde. Sie feierte es noch wie einen Sieg, da stand Gíslason bereits am ARD-Mikrofon und sagte, wie unzufrieden er sei. Er kann auch deutliche Töne anschlagen. Wenn das Spiel vorbei ist, kritisiert er manchmal auch einzelne Spieler. Aber erst dann. Er fordert viel. Aber er fördert auch.

Einen Tag später, gegen Slowenien, bekam Gíslason die beste Leistung der deutschen Handballer seit Jahren zu sehen. Am 37:26-Erfolg hatten drei Spieler besonders Anteil: Andreas Wolff, Johannes Golla und Marcel Schiller – und das hing mit Gíslason zusammen.

Wolff kam auf zehn Paraden. Am Freitag gegen den WM-Zweiten Schweden, also im schwersten Spiel, hatte Bundestrainer Gíslason den zuletzt viel kritisierten Wolff noch auf der Tribüne schmoren lassen. Ob ihn die Nichtnominierung angestachelt hatte? Seine Jubelausbrüche, wenn er einen Ball gehalten hatte, waren jedenfalls vielsagend: Seht her, ich kann es noch.

Sieben deutsche Meistertitel feierte Gíslason in seiner Karriere, hier sieht man ihn im Jahr 2010 beim THW Kiel
Foto: dpa

Im Abwehr- und Angriffsspiel zeigte Golla gegen Slowenien (teilweise auch gegen Algerien) eine starke Leistung. Der 23-Jährige war in Ägypten eine der wenigen positiven Erscheinungen im deutschen B-Team. Mit der Rückkehr der erfahrenen Kräfte drohte ihm die Bank, doch Gíslason hält weiter zu Golla. Schiller war mit sieben Treffern bester Werfer, er hatte den Vorzug vor Kapitän Uwe Gensheimer erhalten.

Golla und Schiller den erfahrenen Kräften vorzuziehen, in diesem wichtigen Spiel, das waren mutige Entscheidungen. Sie wurden belohnt. »Neue Spieler in eine Mannschaft einzubauen, die alles, was du von ihnen willst, mitmachen, ist das Schönste«, hatte Gíslason dem SPIEGEL gesagt. Golla ist so ein Spieler, der Kreisläufer ist erst 23 Jahre und hat in Flensburg einen Sprung gemacht. Auch der Bundestrainer hat Pläne mit ihm und er verfolgt sie konsequent.

»Spieler wissen, dass ich rund um die Uhr für sie arbeite«

Im Jahr 1991, Gíslason ging auf die Zielgerade seiner aktiven Karriere, wollte er sich in seiner nordisländischen Heimat niederlassen. Als passionierter Angler hatte er die Idee für ein Geschäft, das Fische nach Spanien verkauft, und er wollte als Handballtrainer in seiner Geburtsstadt Akureyri arbeiten. Nach sechs Jahren zog Gíslason doch weiter. Er habe in Island alles erreicht, sagte er, und er wollte mehr. Auch das ist konsequent.

Drei Jahrzehnte und viele Titel später wirkt Gíslason nicht so, als würde er es sich gemütlich machen. Er arbeitet manchmal bis tief in die Nacht, um sich auf das nächste Training vorzubereiten. »Meine Spieler wissen, dass ich rund um die Uhr für sie arbeite«, hat er dem SPIEGEL noch als Kieler Coach gesagt, und er glaubt, dass dieser Eifer zum Vertrauen in seine Ideen beiträgt.

Und es braucht gute Ideen. Handball ist ein komplizierter Sport, in dem aber auch die Einfachheit stets betont wird: einfache Fehler vermeiden, einfache Tore werfen. Diese Einfachheit ist den deutschen Handballern in der Vergangenheit ein wenig abhandengekommen. Gíslason ist dabei, sie zurückzuholen, vor den Olympischen Spielen hat er jedenfalls einen Entwicklungsprozess angestoßen. Vielleicht muss man bei Gíslason nicht zwischen Vereins- und Nationaltrainer unterscheiden. Wahrscheinlich kann man einfach sagen, dass Alfred Gíslason ein guter Handballtrainer ist.

Quelle: https://www.spiegel.de/sport/handball/handball-nationaltrainer-alfred-gislason-einfach-ein-anfuehrer-a-22533453-f3e2-4d3e-af3a-3d685375607f